29.07.2011

Bis gestern Mittag wurde verunreinigtes Wasser ins Netz geleitet, jetzt kommt es in den Haushalten an: Vor dem Zähneputzen Wasser kochen

Von Uwe Aulich, Claudia Fuchs

Noch nie zuvor hatte verseuchtes Trinkwasser für so viele Menschen in Berlin Folgen: Von nördlich der Heerstraße bis zum Spandauer Forst sowie westlich der Havel bis zur Stadtgrenze zu Falkensee reicht das Gebiet, deren Bewohner ihr Trinkwasser bis Sonnabend vorsorglich abkochen müssen. Das Gebiet umfasst die Spandauer Altstadt, die Neustadt sowie Teile von Staaken und der Wilhelmstadt, betroffen sind mehr als 200 000 Spandauer. "Die besonders sensiblen Einrichtungen in dem Gebiet haben wir sofort per Mail, Fax und Telefon über den Fund der coliformen Keime im Trinkwasser informiert", sagte die Spandauer Stadträtin Daniela Kleineidam (SPD). Dazu zählten zwei Krankenhäuser, mehrere Senioreneinrichtungen und Kindertagesstätten. Das Spandauer Gesundheitsamt hat zudem Informationsblätter erarbeitet, die noch gestern an die betroffenen Einrichtungen verteilt werden sollten. Betroffen ist unter anderem das Vivantes Klinikum in Spandau mit 580 Betten. Dort werden jedes Jahr mehr als 40 000 Patienten behandelt. Der Wasserkocher reicht nicht Nach Einschätzung des Gesundheitsamtes Spandau würde es ausreichen, das Trinkwasser mindestens fünf Minuten abzukochen, um die Bakterien abzutöten. Die Senatsverwaltung für Gesundheit indessen empfiehlt 20 Minuten. Wie Kleineidam sagte, sei das ein technischer Streit zwischen den Behörden. Auf jeden Fall reiche es nicht, Wasser nur mit dem Wasserkocher heiß zu machen. Die Haushalte müssten sämtliches Leitungswasser, das zum Trinken oder zum Zubereiten von Speisen genutzt werden soll, abkochen. Das gelte auch für Kaffeemaschinen und selbst fürs Zähneputzen. Für die Körperhygiene könnte das Leitungswasser aber weiterhin genutzt werden. Gesonderte Informationen etwa durch Postwurfsendungen werden die Spandauer Haushalte aber nicht erhalten. "Bei der Information hoffen wir auf die Unterstützung durch die Medien", sagte Kleineidam. Die Belastung des Leitungswassers mit coliformen Keimen hat bisher offenbar keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Berliner. "Es gibt noch keine Meldungen über Erkrankungen", sagte gestern Regina Kneiding, die Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit. Festgestellt wurde die Belastung des Leitungswassers im Wasserwerk Spandau bei einer Routinekontrolle, allerdings sowohl im Rohwasser, das aus dem Grundwasser gewonnen wird, als auch im Reinwasser, also nach der Aufbereitung im Wasserwerk. Stadträtin Kleineidam geht davon aus, dass - wenn überhaupt - nur wenig belastetes Trinkwasser ins Netz gelangt ist. Zudem sei dieses auch mit Wasser aus anderen Brunnen vermischt worden. "Das Abkochgebot wurde vorsorglich ausgesprochen", sagte sie. Letzter Fall in Berlin war 2004 Dass die Spandauer ihr Wasser überhaupt abkochen müssen, liegt daran, dass die Proben, deren Ergebnis gestern um 10 Uhr vorlag, bereits 18 Stunden zuvor genommen worden waren. "In diesen 18 Stunden kann weiterhin belastetes Wasser ins Netz gespeist worden sein", sagte Jens Feddern, Leiter der Wasserversorgung bei den Berliner Wasserbetrieben. Und dort jetzt immer noch sein. Deshalb seien die Vorsichtsmaßnahmen nötig. "Wir können aber garantieren, dass seit gestern Mittag kein belastetes Wasser mehr ins Netz gelangt ist", so Feddern. Zuletzt gab es in Berlin im Jahr 2004 ein Problem mit Colibakterien im Trinkwasser im Beelitzhof in Wannsee. Damals konnte die Ursache für die Verseuchung allerdings nicht ermittelt werden. Der Wasserbehälter wurde anders als jetzt mit Chlor gereinigt. Erst vor wenigen Tagen waren in Potsdam Fäkalbakterien im Leitungswasser nachgewiesen worden. ------------------------------ 30 000 Tests jährlich Herkunft: 700 Grundwasserbrunnen fördern das Berliner Wasser aus 30 bis 170 Metern Tiefe. Das Wasser wird belüftet, aufbereitet und über drei Wasserwerke in das berlinweite Netz eingespeist. Kontrollen: 30 000 Proben werden jährlich genommen. Untersucht werden Sauerstoffgehalt, Nährstoffgehalt, Temperatur, pH-Wert oder das Vorhandensein bestimmter Keime. Das Berliner Wasser gilt als sehr gut, es ist reich an Calcium und Magnesium Verbrauch: 550 000 bis 650 000 Kubikmeter werden jeden Tag ins Netz gepumpt. Jeder Berliner verbraucht pro Tag durchschnittlich 110 Liter Wasser. ------------------------------ Karte: Berlin, Spandau. Betroffenes Gebiet Foto: Berliner Wasser gilt normalerweise als besonders gut und nährstoffreich.

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